Pillars of Eternity Complete Edition

[Review] Pillars of Eternity – Complete Edition

Im September 2012 sorgte bei Kickstarter ein gewisses „Project Eternity“ für Furore. Das doch recht bekannte und durchaus erfolgreiche Entwicklerstudios Obsidian Entertainment (Fallout: New Vegas, Neverwinter Nights 2, Star Wars: Knights of the Old Republic II: The Sith Lords) wollte dort 1.100.000 USD für die Entwicklung eines klassischen Rollenspiels sammeln. Die Beschreibung des Projekts lässt sich kurz zusammenfassen – es sollte quasi eine Hommage an Klassiker wie Baldurs Gate entstehen. Das Studio war kurz zuvor etwas in Schlagseite geraten und musste mehr als 20 Mitarbeitet entlassen. Das Ende der Geschichte ist den meisten vielleicht bekannt – von etwa 74.000 Unterstützern kamen fast 4.000.000 USD, allein durch die Kickstarter-Kampagne zusammen. Das fertiggestellte „Pillars of Eternity“ erschien im März 2015 für den PC und räumte ab. Was wiederum dazu führte das erfreulicherweise noch zwei Erweiterungen (bzw. eine Erweiterung in zwei Teilen) folgten die nicht weniger erfolgreich waren. Nun erschien mit „Pillars of Eternity – Complete Edition“ die vollständig überabreitet und konvertierte Version für Konsolen, als das Hauptspiel „Pillars of Eternity“ inklusive der Erweiterungen „The White March I & II“. Wir haben die PlayStation 4 – Version für euch unter die Lupe genommen.

 Pillars of Eternity

 

Gameplay

Wie es sich für ein „richtiges“ Rollenspiel gehört beginnt alles mit der Charakterauswahl. Wer keine Lust auf einen Helden von der Stange hat bekommt diverse Möglichkeiten geboten seinen Charakter nach eigenen Wünschen zu gestalten – natürlich im Rahmen der vorgegebenen Optionen. Nach der Gestaltung des äußeren Erscheinungsbildes darf man sich eine Charakterklasse aussuchen. Dies legt nicht nur fest ob man bevorzugt mit Schwert und Schild, Zweihandschwert, Bogen oder als Feuerball schleudernder Magier durch das Abenteuer geht, sondern gibt sowohl Boni als auch Abzüge auf diverse Fähigkeiten. Des Weiteren darf man sich noch für überlegen aus welcher Region unser Held kommt, welche Gesinnung er vertritt und welche Gottheit über ihn wacht. Fertig ist er – der Recke. Aber keine Angst, zum einen legt man sich mit der getroffenen Auswahl nicht absolut endgültig fest, heißt man kann trotzdem andere Waffengattungen und Rüstungen verwenden oder zaubern. Zudem sind die im Laufe des Spiels verfügbaren Begleiter so vielfältig das man für jede Situation die richtige Gruppe/Formation zusammenstellen kann.

Der Einstieg ins Abenteuer ist schon recht gelungen, hier wurde das richtige Maß gefunden zwischen erster Einführung und schnellem Einsatz der Hauptstory. Weitere Erklärungen zu bestimmten Funktionen, den Begleitern und diversen Fähigkeiten folgen gut eingebettet in den Spielverlauf, so soll es sein. Schnell stellt sich heraus das unser Abenteurer, der aus seiner Heimat in die Welt hinauszog (den Grund darf man in einem Gespräch sogar selber wählen) möglicherweise mehr ist und zu höherem bestimmt sein könnte.

Schon kurz nach Spielbeginn stößt man auf ein entscheidendes Story Element das den gesamten Storyverlauf grundlegend bestimmt und beeinflusst. Es geht um in Pillars of Eternity verstärkt um „Seelen“. Im Land Eora werden immer mehr Säuglinge ohne Seelen geboren, was unter anderem dazu führt das es immer weniger Kinder gibt (klingt komisch, ist aber so!). Viele Menschen fürchten sich vor den Seelenlosen und dementsprechend habe die Eltern auch Angst seelenlose Kinder zu bekommen. Unser Held erfährt recht bald das in ihm Fähigkeiten erweckt wurden die es ihm erlauben in die Seelen fremder Menschen zu blicken und diese zu ergründen, aber auch seine eigene. Dies wirft im weiteren Spielverlauf immer wieder Fragen auf und oder lüftet Geheimnisse. Zusammen mit den massenhaft vorhandenen Nebenquest sorgt dies natürlich für ordentlich Beschäftigung und auch weitgehen für Spannung. Allerdings sollte man sich auch bewusst sein das bei einem Rollenspiel des Kalibers, wie es Pillars of Eternity nun mal ist, die Geschichte auch immer wieder auch mal etwas mehr Zeit nimmt sich zu entfalten. Und dann kommen wie gesagt noch die ganzen Nebenaufgaben und hier noch eine Höhle und da noch eine Maid in Not und schon wird der schöne rote Faden ziemlich dünn. Das Spiel besitzt genügend Qualität um trotzdem dauerhaft gut zu unterhalten, aber einigen Spielern wird das halt auffallen, besonders in Akt I. Der einzige Kritikpunkt in dieser Hinsicht der wirklich bemerkenswert ist besteht darin das man viel zu oft in Seelen anderen Personen herumschnüffeln kann die total irrelevant sind. Das zeigt zwar zum einen das die Entwickler sich mit jeder Figur und den Hintergrundinformationen intensiv auseinandergesetzt haben, die Spielwelt ist zudem auch recht detailreich, bringt den Spiel aber oft in eine „gefühlte“ Sackgasse.

Wenn man sich auf Pillars of Eternity einlässt sollte man sich auch darüber im Klaren sein das es einiges zu lesen gibt. Für den einen macht es diese Art von Spiel gerade aus und ist ein Qualitätsmerkmal, andere Spieler wiederum könnte das abschrecken. Dafür nimmt das Geschehen ab dem zweiten Akt aber an Fahrt auf, man begegnet immer mehr interessanten Persönlichkeiten, von denen einige den Helden fortan auch begleiten können und es lasse sich viele unterschiedliche Locations bereisen und erkunden. Ob grimmiger Krieger, durchgedrehter Priester, schlagfertige Amazone oder trauerndes Medium, die Charaktervielfalt ist enorm und bunt. Allein die Zusammenstellung der Gruppe kann schon mal für ein bisschen Beschäftigung sorgen.

 

Das aufleveln und ausrüsten der Charaktere geht erfreulich leicht von der Hand und das System ist gut durchdacht und einfach zu handhaben. Charaktere die sich aktuell nicht in der Gruppe befinden leveln mit und dürfen beim nächsten Einstieg in die Gruppe entsprechend angepasst werden, das nimmt auch schon mal viel Stress aus der Thematik. Kommt es zu einem Kampf darf man jederzeit pausieren und den Streitern unterschiedliche Anweisungen und Befehle geben. Auch bestimmte Verhaltensprofile sind für die unterschiedlichen Figuren verfügbar. Allerdings sollte man sich auf die KI nicht zu sehr verlassen und lieber einmal öfter pausieren um taktische Anweisungen zu geben, denn manchmal stellen sich die Mitstreiter etwas schusselig an. Und ein Armbrustschütze der sich vor den Schwert schwingenden Krieger stellt und somit einen Meter vor den Gegner, hat noch in keinem Rollenspiel wirklich erfolgt gehabt. Geschweige denn der Magier der sich mitten in die Tür stellt und verhindert das seine schwer bewaffneten Kameraden sich auf die Gegner stürzen können. Auch wenn die Story ein sehr gewichtiger Faktor ist, zu kämpfen wird es sehr oft kommen. Einige lassen sich vermeiden, aber zu Konflikten wird es immer kommen. Interessant ist hier aber das kämpfen nicht der große Erfahrungspunkte-Lieferant ist. Entdecken, Geheimnisse lüften, Aufträge abschließen – hierfür gibt es Belohnungen satt. Trotzdem wird man aber natürlich für gewonnen Kämpfe belohnt, sei es durch Gold, interessante Items oder einfach nur dadurch das man seinen Weg fortsetzen kann.

Die bereits erwähnten Nebenquest, gestalten sich überwiegend sehr gut und sind auch oft sehr wertvoll. Neben diversen Belohnungen bringen sie oft wertvolle Informationen und bringen uns gelegentlich die gesteigerte Loyalität einzelner Begleiter. Es kann aber auch das Gegenteil eintreten und das ist es was Pillars of Eternity auch so gut macht. Es gibt nicht einfach Gut und Böse, es gibt viele Schattierungen und eben auch viele unterschiedliche Ansichten. Richte ich den gefangenen Dieb hin wird der grimmige Krieger äußern das es ihm zu Recht so ergangen ist, während der Priester dieses Vorgehen auf das äusserste verurteilt. Entscheidungen sind oft klein, aber haben in der Regel immer spürbare Auswirkungen. Entreiße ich dem Gegenüber die Information durch einen (vielleicht schmerzhaften und traumatischen) Blick in seine Seele oder akzeptiere ich das er sie nicht preisgeben mag. Komme ich dann ohne diesen Vorteil zurecht oder habe ich Glück und das Schicksal bringt dann doch die benötigte Information ans Licht, es sind diese kleinen Dinge durch die es dann doch ganz groß wird.

 

Pillars of Eternity

 

Grafik

Technisch liefert die Pillars of Eternity: Complete Edition auf der PS4 einwandfrei ab. Das Spiel ist kein Effektfeuerwerk, was bei diesem Genre auch nicht im Fokus steht. Aber Zaubereffekte und Umgebungsdetails tragen zu einem wunderbaren Gesamtbild bei so das auch das anspruchsvolle Spielerauge durchweg zufriedengestellt werden sollte. Für die Konsolenfassung wurden alle Texte, Fenster und Bedienelemente nochmal überarbeitet um auch auf großen Bilddiagonalen gut lesbar und das Interface anstandslos bedienbar zu bleiben. In Kämpfen sind es, wie bereits erwähnt, natürlich vor allem die Zaubersprüche, die mit modernen Licht- und Partikeleffekten überzeugen und unterstreichen, dass Pillars of Eternity eben doch ein modernes Game ist, mit dem entsprechenden technischen Unterbau. Insgesamt kann die Umsetzung hier also überzeugen, so muss eine Portierung aussehen.

 

Pillars of Eternity

 

Sound

Im Grunde genommen liefert Pillars of Eternity für die Ohren so gut wie für die Augen. Qualitativ ist auch eigentlich nichts zu bemängeln, aber Quantitativ stellen sich leicht Mangelerscheinungen ein. Die Musik ist wunderbar, stimmig und passt immer gut zum Geschehen. Allein der epische Soundtrack der einem bei Spielstark entgegenscheppert – einfach toll. Die erkundbaren Umgebungen sind allesamt mit passenden Hintergrundgeräuschen untermalt. In der Taverne herrscht ausgelassene Stimmung, auf dem Marktplatz hört man Stimmengemurmel und Pferde wiehern, alles stimmig. Und nun kommt das kleine aber, denn die Vertonung einiger Charaktere hätte durchaus etwas umfangreicher und abwechslungsreicher ausfallen dürfen. Auch wäre mehr hören, statt lesen schön gewesen. Aber das sind wirklich kleine Kritikpunkte die den sehr positiven Gesamteindruck nicht wirklich beeinflussen. Ebenso wäre eine deutsche Lokalisierung wünschenswert gewesen, zumindest nachträglich.

 

Pillars of Eternity

 

Fazit

Pillars of Eternity: Complete Edition ist ein Schwergewicht und darf getrost als aktuelle Genrereferenz gesehen werden. So einfach darf man das ohne Umschweife sagen. Der enorme Erfolg und die Beliebtheit bei den Fans hat dafür gesorgt das der Nachfolger ebenso rekordverdächtig finanziert wurde und sicher ebenso einschlägt. Die Jungs von Obsidian, die ja lange Zeit als die Fortsetzungsprofis galten, haben spätestens mit Pillars of Eternity gezeigt was sie drauf haben. Es trägt die großen Klassiker wie Baldurs Gate 2 vor sich her, übernimmt von dort Stärken und bringt doch unheimlich viel Eigenes um nicht als Kopie abgestempelt zu werden – ganz im Gegenteil. Die Anpassung an die Konsolen ist erfolgreich gelungen so das man weitere Spieler mit diesem Meisterwerk erreichen kann. Der Spagat zwischen Moderne und Nostalgie ist eindrucksvoll gelungen. Beeindruckte schon 2015 auf dem PC und kann auch den zweiten Blick im Jahr 2017 auf Konsole genauso überzeugen.

Interessierte Spieler finden die Pillars of Eternity: Complete Edition sowohl als physische Ladenversion (vertrieben von 505 Games) beim Händler ihres Vertrauens, als auch die digitale Version im PlayStation Store (direkt vertrieben von Obsidian) zu einem Preis von derzeit etwa 50 Euro. Dieser ist absolut gerechtfertigt, bedenkt man die beiden enthaltenen Erweiterungen, den enormen Spielumfang (Spielzeit je nach Erkundungsfreude locker zwischen 50-80 Spielstunden) und die gelungene Überarbeitung für die Konsolen. Bedenkt man zudem die Gesamtspielzeit von ca. 60 bis 80 Stunden, je nachdem wie ausgiebig man sich mit der Spielwelt befasst und Nebenaufgaben erledigt, ist Pillars of Eternity: Complete Edition seinen Kaufpreis wirklich wert.

 

Pillars of Eternity

Pillars of Eternity: Complete Edition

9.2

Grafik

8.4/10

Sound

8.7/10

Gameplay

9.3/10

Umfang

10.0/10

Spielspaß

9.5/10

Pros

  • enormer Spielumfang, zwei Erweiterungen enthalten
  • viel zu entdecken
  • Konsolenumsetzung gut gelungen
  • tolle Atmosphäre
  • schöne Soundkulisse

Cons

  • Begleiter im Kampf gelegentlich etwas doof
  • mehr vertonte Dialoge hätten die Atmosphäre weiter aufgewertet
  • vollständige Lokaliserung wäre wünschenswert gewesen

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